Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Stuttgart 1939–1945 – Buchvorstellung und Kriegsfilmchronik
Zwischen 1939 und 1945 prägten Zwangsarbeit und Ausbeutung den Alltag der Stuttgarter Kriegswirtschaft. Zehntausende Männer und Frauen aus dem nationalsozialistisch besetzten Europa mussten unter oft unmenschlichen Bedingungen für die Fabriken, Behörden und Bürger der schwäbischen Industrie- und heutigen Landeshauptstadt arbeiten.

Kevin Schmidt hat in seiner Dissertation erstmals umfassend die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Stuttgart untersucht. Die Studie liegt jetzt als Buch vor und wurde am 24. Juni 2026 im Stadtarchiv Stuttgart der Öffentlichkeit vorgestellt. Gezeigt wurden an diesem Abend außerdem Ausschnitte aus verschiedenen Filmen der Stuttgarter Kriegsfilmchronik, die sich mit der Zwangsarbeit beschäftigen. Einer der gezeigten Filme, den wir hier näher vorstellen wollen, trägt den Hilfstitel „Russische Kriegsgefangene“. Er zeigt die Verteilung sowjetischer Kriegsgefangener im Innenhof des Alten Schlosses.
Unklarer Entstehungszeitraum des Films
Wann diese Aufnahmen entstanden sind, läßt sich heute nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Aus Unterlagen, die sich in der Registratur des Stadtarchivs befinden, geht hervor, dass der Film in den Jahren 1943 oder 1944 angefertigt worden sein muss. Aus der Kleidung der im Film zu sehenden Personen können wir schließen, dass die Aufnahmen in der wärmeren Jahreszeit entstanden sein müssen. Der Film liegt im Rohschnitt vor, er weist keine Texttafeln zwischen einzelnen Sequenzen auf, wie das bei einer Reihe anderer Filme der Kriegsfilmchronik der Fall ist.
Klare Identifizierung des Orts
Zu Beginn der Aufnahmen fahren Lkws vor, auf den Ladeflächen befinden sich sowjetische Kriegsgefangene, die in der Folge vom Lkw abspringen. Der Ort lässt sich ganz einfach identifizieren: Es handelt sich bei der Eingangsszene um den Stuttgarter Schillerplatz, weil wir im Hintergrund die Stiftskirche und den Fruchtkasten deutlich erkennen können.

In einer folgenden längeren Sequenz filmt die Kamera die Kriegsgefangenen, die sich in Reihen im Innenhof des Alten Schlosses aufstellen. Auch dieser Ort ist eindeutig zu identifizieren: Wir sehen die Arkaden und das Reiterstandbild Eberhards I. von Württemberg, auch bekannt als Eberhard im Bart (1445-1496). Der Hof wirkt unaufgeräumt, es sind Steinblöcke und Schutt zu sehen, was wiederum ein Hinweis auf die Datierung der Aufnahmen sein könnte: Bei einem Luftangriff im Juli 1944 wurde das Alte Schloß schwer beschädigt. Die Kriegsgefangenen werden offensichtlich im Hof zum Appell gesammelt und von den bewachenden Soldaten gezählt. Sie sind durchweg mit einem „SU“ auf ihrer Kleidung oder auf ihrer Kopfbedeckung markiert, was abgekürzt für „Sowjetunion“ steht. Ganz offensichtlich geht es darum, sowjetische Kriegsgefangene im Arkadenhof des Alten Schlosses, also im Zentrum der Stadt, zu sammeln und an Betriebe oder Privatpersonen weiter zu vermitteln. Darauf deuten die Aufnahmen am Ende des Films hin, bei denen die Kriegsgefangenen in kleinere Gruppen abgezählt den Innenhof des Alten Schlosses verlassen. In der Mitte des Films ist zu sehen, wie eine größere Gruppe auf einen Lkw mit Anhänger aufsteigt und abtransportiert wird.
Hervorgehobene Personen
Es ist auffällig, dass einige Personen im Laufe des Films immer wieder erscheinen. Da ist beispielsweie ein Mann in Zivil, in Anzug und Krawatte gekleidet, eine Zigarette rauchend. Gleich zu Beginn des Films wendet er sich an einen der bewachenden Soldaten, der neben einem Lkw steht und den er mit dem „Hitlergruß“ begrüßt. Auch bei den Appellszenen ist er zu sehen, immer etwas abseits und solitär. Aus den Szenen wird aber deutlich, dass ihm bei dieser Verteilungs-Aktion eine führende Rolle zukommt.


Für den operativen Teil ist ein Uniformierter zuständig, der etwa bei Mitte des Films zum ersten Mal erscheint. Seine Aufgabe ist es, den Ablauf und die schriftliche Verwaltung des gesamten Vorgangs zu organisieren.

Er trägt die Uniform eines Sturmführers des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK), erkennbar an dem Dienstgradabzeichen am Kragen und der NSKK-Kraftfahrraute am rechten Ärmel. Seine Aufgabe ist es, die ordnungsgemäße Übergabe der Kriegsgefangenen sicherzustellen und die dafür nötigen Papier zu verwalten.

Offensichtlich werden unterschiedlich große Kontingente von Zwangsarbeitern verteilt. Auffällig ist, dass es auch Zivilpersonen sind, die hier offensichtlich Zwangsarbeiter anfordern können. Leider gibt es bislang keine schriftlichen Quellen, die den Ablauf dessen, was hier im Film sehen, genauer erklären könnten.
Sehen Sie hier den gesamten Film:
Weitere Einblicke in den Entstehungsprozess der Dissertation bieten diese 2022 und 2023 auf diesem Blog veröffentlichten Beiträge. Quellen zum Thema sind im Stadtarchiv unter anderem im Bestand 140/1 – Dokumentation „Zwangsarbeiter in Stuttgart 1939-1947“ zu finden.
Kevin Schmidts Arbeit „Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Stuttgart 1939–1945“ ist als Band 118 in Reihe Veröffentlichungen des Archivs der Stadt Stuttgart beim Verlag regionalkultur erschienen und kann über den Buchhandel bezogen werden. ISBN 978-3-95505-589-9
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Stadtarchiv Stuttgart (26. Juni 2026). Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit in Stuttgart 1939–1945 – Buchvorstellung und Kriegsfilmchronik. Archiv0711. Abgerufen am 3. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16gyn





