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Auf der Spur des ersten Kinos in Stuttgart

Das Kino ist ein magischer Ort, dessen Geschichten wir mit unserer Serie „KinoGeschichten0711“ näher vorstellen wollen. Wir haben kürzlich bereits über die Anfänge der ersten Filmvorführungen in Stuttgart berichtet, aber wann eröffnete eigentlich das erste Kino als fester Spielort für filmische Vorführungen? Begeben wir uns auf Spurensuche im Stadtarchiv…

Ein kinematographischer Spielort für Stuttgart

Die Begeisterung für Kinematographische Vorführungen blieb seit der Ausstellung für Elektrotechnik und Kunstgewerbe 1896 anhaltend. Quer über die Stadt verteilt gab es immer wieder temporäre Spielorte wie zum Beispiel im Hangleiterschen Zirkus auf dem Marienplatz. Die Nachfrage nach der anfänglich noch als Jahrmarktattraktion geltenden Vorführung bewegter Bilder war groß. Das wusste auch der aus Ulm im Jahr 1906 nach Stuttgart zugezogene Geschäftsmann und Schießbudenbesitzer Felix Bayer. Am 9. September 1863 in Zürich geboren war Bayer wohl das, was man einen Kosmopoliten nennt: Hochzeit in München, Geburt der Kinder in Rosenheim und Triest und nun also Stuttgart. Dort war er auf der Suche nach langfristigen Räumlichkeiten für Kinematographische Vorführungen. Dafür mietete er zusammen mit seinem Geschäftspartner Carl Böcher Räume im sogenannten Deutschen Haus in der Tübinger Straße Nr. 13. Das Deutsche Haus war ein prestigeträchtiger Bau an der Ecke Tübinger Straße/Christophsstraße, das bis zu den fatalen Luftangriffen auf Stuttgart im Zweiten Weltkrieg stand.

Für das Kino wurden die Schaufenster verdunkelt, ein kinematographischer Abspielapparat vermutlich der Firma Edison aufgestellt und rund 200 Sitzplätze eingerichtet. Und fertig war das erste dauerhaft installierte Kino, das offiziell vor 120 Jahren, am 1. Juli 1906, unter dem Namen Kinematograph Edison eröffnete. Wobei der Begriff Kino moderner ist und erst einige Jahre später in den Sprachgebrauch kam. Man sprach vom Kinematograph, der als Synonym für das Gerät und den Spielort stand.

Viel Lob und eine wenig Kritik

Die Eröffnung war ein voller Erfolg. So berichtete der Beobachter am 9. Juli 1906 von einem überaus lebhaften Besuchsandrang bei der Vorführung des Edison-Kinematographen. Die Vorstellungen mussten aufgrund des Andrangs sogar früher als geplant beginnen. Der Artikel wies ausdrücklich darauf hin, dass die Apparate ruhig arbeiteten und Augen sowie Nerven der Zuschauer geschont hätten. Besonders großen Beifall hätten die humoristischen Szenen gefunden. Kritisch bemängelt wurde jedoch das Gedränge am Eingang und die unzureichende Belüftung. Zudem solle die Direktion an Sonntagen für mehr Ordnung sorgen. Auch das Neue Tagblatt äußerte sich am 2. Juli 1906 begeistert zur Eröffnung, kritisierte aber die musikalische Begleitung der Stummfilme: Die während der Vorführungen gespielten Klavierstücke wurden als störend empfunden, und eine Streichung dieser Begleitung hätte wohl den Wunsch der meisten Besucher getroffen.

Man wird International – Kinematograf International

Nur wenige Monate später benannten Bayer und sein Kompagnon Böcher die Spielstätte in Kinematograf International um. Ob das am Einspruch der Edison-Gesellschaft oder am wachsenden Geschäft – parallel wurde Kinematographen in Leipzig, Straßburg, Graz, Triest und Bologna eröffnet – lag, lässt sich nicht mehr eindeutig klären. Zu den gezeigten „Filmen“ gehörten zum Beispiel der beliebte „Hauptmann von Köpenick“ eine 20-minütige deutsche Stummfilmsatire von Carl Buderus aus dem Jahre 1906. Von der Presse wurde dieser Film als höchstgelungenes „Kunstwerk auf dem Gebiet des Kinematographs“ bejubelt. Gezeigt wurden auch dokumentarische Filmsequenzen einer Reise durch die Alpen, die wohl so plastisch echt waren, dass man das Gefühl hatte, die Reise gleich selbst unternommen zu haben.

Ende ohne Spur

Der Kinematograf International wurde mehrere Jahre zur festen Institution in Stuttgart. Nach 1914 verliert sich allerdings seine Spur: Letzte Zeitungsmeldungen zu Filmvorführungen tauchen am 26. Mai 1914 auf. Danach schloss das Kino. Vielleicht lag es am Konkurrenzdruck, denn seit 1912 war das Union-Theater, das heutige Delphi in der Tübinger Straße Nr. 6 nur weniger Häuser weiter eröffnet worden. Auch von den Betreibern Felix Bayer und Carl Böcher fehlt jede Spur. Im Staatsarchiv Ludwigsburg liegt die Passakte von Felix Bayer, in dem 1915 erstellten Pass-Dokument gibt er im beiliegenden Zeugnis als Reiseziel Deutschland, Österreich und die Schweiz an. Da das Meldewesen für Stuttgart erst 1919 beginnt, lässt sich nicht klären, wohin der Kosmopolit Felix Bayer 1915 hinzog. Aber noch Jahre später wurde über das erste Kino in Stuttgart gesprochen.

Quellen:


OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Norah C. Allen (3. Juli 2026). Auf der Spur des ersten Kinos in Stuttgart. Archiv0711. Abgerufen am 4. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16ib9


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