Hafen gegen Kessel – Eine Protestgeschichte des Fahrradfahrens in Hamburg und Stuttgart im Vergleich
Seit 2016 ist es fast schon so etwas wie eine Tradition geworden, dass die Stuttgarter Critical Mass einmal jährlich am Stadtarchiv endet. Und am 5. Juni 2026 war es wieder soweit: Über 1.200 Fahrradbegeisterte starteten vom Feuersee Richtung Innenstadt und Bad Cannstatt, um schließlich gegen 21 Uhr am Stadtarchiv einzutreffen. Neben dem vom Critical Mass-Team organisiertem Ausklang im Hof und auf dem vorgelagerten Marga-von-Etzdorf-Platz lud das Stadtarchiv auch in diesem Jahr zu einem kurzweiligen Kulturprogramm in den Vortragsaal ein – natürlich mit Bezug zur Fahrradgeschichte.

Ping Pong – Norden und Südwesten im Vergleich
In diesem Jahr stand die Geschichte des Fahrradprotests im Mittelpunkt. Und zwar nicht nur in einer, sondern gleich in zwei deutschen Großstädten. Neben Stuttgart trat die Hansestadt Hamburg an, in deren Fahrradgeschichte der Historiker Lars Amenda lebendige Einblicke bot. Stuttgarter Entwicklungen und Ereignisse stellte Günter Riederer vom Stadtarchiv vor. Im neu erfundenen und gleich bei dieser Gelegenheit erprobten Ping-Pong-Vortragsverfahren verglichen beide unter insgesamt sieben Punkten die Fahrradprotestgeschichte in beiden Städten.

Bei der ersten Frage nach den frühesten Fahrraddemo war es noch ausgeglichen: In Stuttgart versammelten sich im Jahr 1896 insgesamt 200 Radfahrer bei Dinkelacker, um gegen die beabsichtigte neue Verordnung des Stadtpolizeiamtes zu protestieren. Es ging um die Beschränkung des Fahrens in der inneren Stadt zwischen morgens 7 bis Abends 9 Uhr und die Kennzeichungspflicht der Radfahrer. Die erste Fahrraddemo in Hamburg war eine „Huldigungsfahrt“ zu Reichskanzler Otto von Bismarck in den nahen Sachsenwald am 26. Mai 1892, bei der laut einer Zeitungsquelle über 500 Hochräder, 600 Niederräder sowie viele Dreiräder und Tandems teilnahmen. Die erste Fahrraddemo der Neuzeit fand in Stuttgart 1978, in Hamburg 1979 statt, leichter Vorteil für Stuttgart also. Klar in Richtung Hamburg schlug das Pendel aber dann bei den Zahlen der Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus: Am 7. Juni 1980 nahmen an der Sternfahrt rund 20.000 Menschen teil, in Stuttgart waren es bei der Demo 1980 „nur“ 3.000 bis 4.000. Damit hatte Hamburg im Städtevergleich fast uneinholbar die Nase vorn!

Bei den Slogans gab es wieder Gleichstand: Die Stuttgarter Mottos wie „Rat: Nimm’s Rad“ und das Hamburger „Mit dem Rad gegen die Autostadt“ waren etwa gleich aufregend. Und auch bei der Frage nach den intensivsten Auseinandersetzungen zwischen Fahrrad- und Autofahrern gab es keinen eindeutigen Sieger: In Stuttgart war das Fahrrad genauso Teil der Gegenkultur wie in Hamburg. „Grün für die Radler – Autofahrer sahen rot“ – so titelte das Hamburger Abendblatt am 8. Juni 1980. Weiter hieß es in dem Artikel: „Weit öfter als der Ruf ‚Hopp, hopp, hopp, Gorleben stopp‘ wurde ‚Motor aus‘ skandiert. Die wenigsten Autofahrer reagierten darauf. Sie kurbelten die Fenster hoch, drehten das Radio auf volle Lautstärke, trommelten mit nervösen Fingern aufs Lenkrad. In der Osterfeldstraße kam es zum ersten Auflauf. Ein junger Mann in einem offenen Sportwagen war umzingelt worden. Provokativ stand er mit dem Fuß auf dem Gaspedal und schrie gegen seinen jaulenden Motor an: ‚Fahrt doch in die Lünbeburger Heide‘.
Fahrräder als Symbole einer alternativen Gegenkultur
Stuttgart kann zu dieser Art von Konflikten gleich ein passendes Foto liefern: Offensichtlich ist der Pressefotograf Uli Kraufmann, der die Fahrraddemo 1980 begleitet und fotografisch für die Stuttgarter Nachrichten festgehalten hat, mit seinem Auto in einen Pulk geraten und wurde von den Fahrrädern geblockt. Das vorliegende Foto hat er dann aus dem Fahrzeuginneren heraus aufgenommen. Wenn wir genau hinsehen, dann ist die gesammelte Ikonographie der Gegenkultur der 1970er und 1980er Jahre da: die erhobene linke Faust, die cool im Mundwinkel hängende Kippe, die auch ein Joint sein könnte, der „Atomkraft? Nein danke“-Button mit der roten lachenden Sonne, die Latzhose und natürlich die Mittelfinger-Geste, in der sich die gesamte Verachtung gegenüber Auto, Gesellschaft und Staat ausdrücken sollte.

Hamburg eindeutiger Sieger!
Schlussendlich war das Publikum im Vortragssaal des Stadtarchivs gefordert, durch die Stärke des Applauses einen Sieger zu küren. Es gelang der Hansestadt knapp, sich gegen die Kesselstadt durchzusetzen. Fertig erzählt ist die Fahrradgeschichte in beiden Städten auf jeden Fall noch nicht und bietet genügend Stoff, wenn im nächsten Jahr die Critical Mass wieder im Stadtarchiv halten wird.

Lars Amenda hat das Netzwerk/Fahrradgeschichte begründet. Weitere Infos finden sich hier.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Stadtarchiv Stuttgart (12. Juni 2026). Hafen gegen Kessel – Eine Protestgeschichte des Fahrradfahrens in Hamburg und Stuttgart im Vergleich. Archiv0711. Abgerufen am 4. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16dwv






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