Das Stadtarchiv und seine Nutzung – Was meint der Begriff „raue Demokratie“?
Jeden Tag treffen in einem Stadtarchiv eine Vielzahl von Anfragen ein – per Mail, per Telefon, persönlich im Lesesaal, mittlerweile nur noch ganz selten per Briefpost. Wir wollen im Blog in loser Folge die Geschichten erzählen, die hinter diesen Anfragen stecken und besondere Beispiele aus der Nutzung des Stadtarchivs Stuttgart vorstellen. Dieses Mal geht es um den Begriff der „rauen Demokratie“, den Amrei Kienle in ihrer Promotion untersucht.
Welches Thema hat Sie zu uns geführt?
Mein Dissertationsprojekt, an dem ich seit Juli 2025 arbeite. Gerade trägt es den noch etwas sperrigen Arbeitstitel „Gewalt und ihre Grenzen in der ‚rauen‘ Demokratie: Westdeutschland und Österreich in der Dekade nach Kriegsende (1945/49–1956/59)“. Im Zentrum des Projekts steht die Analyse politischer Gewalthandlungen respektive deren Aushandlungsmodi in zwei postfaschistischen Demokratien: der Bundesrepublik Deutschland und der Zweiten Republik Österreich. Mein Analysezeitraum beschränkt sich auf die Formierungsdekaden der beiden Länder, die – mit wenigen Ausnahmen – vielfach als lineare Erfolgsgeschichten erzählt werden; viele dieser historiografischen Perspektivierungen werden von den großen Leitlinien des Wiederaufbaus oder des ‚Wirtschaftswunders‘ überlagert und implizieren gleichzeitig, dass die Nachkriegsgesellschaften kaum Interesse an einer aktiven politischen Partizipation zeigten. Dabei verweisen Schlaglichter wie die blutigen Zusammenstöße zwischen Studierenden und Polizeibeamten im Kontext der transnationalen ‚Anti-Harlan Bewegung‘ (1951 bis 1954), den Wiener ‚Oktoberstreiks‘ (1951) oder die gewaltsamen Unruhen im Zusammenhang mit der Währungsreform in Stuttgart (1948) auf einen konfliktiven Aspekt der Nachkriegsjahre.
Im Zuge meines Projekts möchte ich eine systematische historische Betrachtung der facettenreichen Beziehungsgeschichte von politischer Gewalt und Demokratie sowohl für die Zweite Republik Österreich als auch die Bundesrepublik leisten; die zentrale Hypothese des Projekts lautet dabei, dass die beiden Länder in dem Analysezeitraum abseits ihrer geordneten Verfasstheit ‚raue‘ Demokratien waren, deren politischer Alltag von einer generell harten Konfliktkultur und einer vergleichsweise hohen Präsenz physischer Gewalt geprägt war.
Was genau meint der Begriff „raue Demokratie“, der sich im Titel Ihres Forschungsprojekts findet?
Mit diesem Begriff nehme ich Bezug auf einen sehr spannenden Gastbeitrag in der Zeit, verfasst von dem Historiker Paul Nolte, in dem er den weithin diagnostizierten Auflösungserscheinungen westlicher Demokratien eine andere Interpretation entgegensetzt: Den oft kritisierten harten Umgangston und die ruppigen Züge heutiger Demokratien versteht er weniger als Krise, sondern vielmehr als „Formwandel“. Er deutet diesen Übergang als eine Entwicklung weg von der damals „eingehegten westlichen liberalen Nachkriegsdemokratie“ hin zu einer raueren Form – einer rauen Demokratie. Für mein Projekt ist weiterhin spannend, dass Nolte die westdeutsche Nachkriegszeit als Sehnsuchtsort vieler Menschen ausweist, wenn er schreibt, dass retrospektiv die Nachkriegsjahrzehnte „als Zeit einer wohlgeordneten Demokratie, als die Zeit von Regulierung und Eingrenzung“ erscheinen, nach deren „schönen klaren Ordnung“ sich die Menschen heute zurücksehnen würden. Genau hier hoffe ich, ein paar neue Akzente setzen zu können, denn diese weitverbreitete Vorstellung ist sicherlich nicht zuletzt auf die in der ersten Frage bereits angesprochenen dominanten historiografischen Narrative zurückzuführen.

Mit meinem Fokus auf die Aushandlungsprozesse politischer Gewalt kann ich zu einem etwas differenzierteren Bild dieser Jahrzehnte beitragen und zeigen, dass man es mit kontrovers diskutierenden, hoch politischen Gesellschaften zu tun hat.
Welche Quellen haben Sie bei uns im Stadtarchiv Stuttgart gefunden? Gibt es in unseren Unterlagen Material, das für Ihre Forschungen besondere Bedeutung hat?
Meinen beiden empirischen Schwerpunkten folgend, sind für mich Archivalien von besonderem Interesse, die sich um Gewalthandlungen im Kontext von Wahlkampfveranstaltungen und Straßendemonstrationen drehen. Für dieses Forschungsinteresse liegen im Stadtarchiv Stuttgart sehr spannende Quellen, wie zum Beispiel die Bestände zu dem sogenannten „Stuttgarter Tumult“ von 1948, die sich aus einer Zeitungsausschnittsammlung, Polizeiberichten und Kommunikation kommunaler Institutionen zusammensetzen und damit eine schöne Mischung unterschiedlicher zeitgenössischer Perspektiven abbilden.

Sehr interessant sind für mich auch die Akten zu den politischen Veranstaltungen der Kommunistischen Partei Deutschland (KPD), die von einer recht hohen Gewaltbereitschaft begleitet schienen, wie die zum Teil hitzigen Debatten rund um eine Kundgebung der Stuttgarter KPD im August 1953 zeigen, auf welcher der Parteivorsitzende der Westzone, Max Reimann, sprechen sollte. Nach kontroversen Diskussionen im Vorfeld wurde die ursprünglich auf dem Karlsplatz anberaumte Veranstaltung kurzerhand in den Althoffbau verlegt, da man bei einer Veranstaltung unter freiem Himmel um die öffentliche Sicherheit bangte. Wie die sozialistische Zeitung Die Volksstimme berichtete, verlief die die Kundgebung trotz anwesender „Radaubrüder“ geordnet, am Abend zuvor sei jedoch ein Genosse beim Verteilen von Flugblättern von einem Schläger unvorhergesehen angefallen worden. Wichtig schien dem Blatt dabei zu erwähnen, dass „ihr“ Mann keineswegs unterlegen war, sondern dafür gesorgt habe, dass „der Bandit“ einen Zahn bei dieser Auseinandersetzung verloren habe. Dass im Vorfeld Gewalt in der Luft lag, zeigt auch ein Bericht des Stuttgarter Oberbürgermeisters. Am gleichen Tag der Veranstaltung hätten Vertreter der Bewohner des Flüchtlingslagers Stammheim bei ihm vorgesprochen, um in letzter Minute ein Verbot der Kundgebung zu erwirken, sonst „sei Blutvergießen unvermeidlich“ und die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die Versammlung mit Gewalt gesprengt werden würde. Mit dem Hinweis auf die juristische Unmöglichkeit, die Versammlung verbieten, wies Klett die Repräsentanten ab und kündigte gleichzeitig an, dass die Stuttgarter Polizei in der Lage sei, „mit geeigneten Mitteln“ zu verhindern, „daß der politische Kampf in Stuttgart solche bisher hier fremde Formen annehme“.

Letzten Endes konnte die Versammlung im Althoff-Bau ohne große Unterbrechungen stattfinden, nicht zuletzt, da sich die befürchteten ‚Rollkommandos‘ als Gruppe von höchstens 20 bis 30 Jugendlichen und ein paar zerstreuten Halbwüchsigen entpuppte. Wie die von der parteinahen Volksstimme gesammelten Straßenumfragen zeigen, war man sich nicht darüber einig, wen man letztlich vor sich hatte. Die einen sprachen von „Kaugummijugendlichen“, die sich in Begleitung amerikanischer Soldaten zum Althoffbau aufgemacht hatten, andere meinten wiederum, Akteure der BDJ identifizieren zu können, während wieder andere bezeugten, dass es sich um „Randalierer“ aus dem Lager Stammheim handelte. In jedem Fall seien die „Bübchen“ oder „Schlägerbanden“, wie es an anderer Stelle heißt, nicht nur vom großen Polizeiaufgebot, sondern auch von der Stimmung im Althoffbau so eingeschüchtert gewesen, dass „sie sich (letztlich) nicht zu mucksen wagten“. Auch wenn die KPD diese einigermaßen ruhig verlaufenen Abend als Erfolg und als Versicherung für künftige Veranstaltungen wertete, deutet der Blick in die zeitgenössische Berichterstattung auf eine andere Realität: Von Frankfurt über Braunschweig, von Heilbronn über Heidelberg – überall wurden Veranstaltungen „im Interesse der Gesundheit und Sicherheit der Versammlungsteilnehmer“ aufgelöst. Im Lager Stammheim, wo der baden-württembergische Abgeordnete Bohn eine Wahlversammlung abhielt, musste gar das Überfallkommando anrücken, während der Politiker in die Wohnung des Versammlungsleiters flüchtete, um sich vor tätlichen Angriffen zu schützen.


Soweit ein kursorischer Blick in die Quellen. Noch habe ich nicht alle Quellen, die mich im Stadtarchiv Stuttgart interessieren, gesichtet. In den nächsten Wochen möchte ich die Bestände zu den politischen Veranstaltungen des restlichen zeitgenössischen Parteienspektrums sichten.
Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor? Welche Methoden wenden Sie an?
Sicherlich gibt es einige mehr, allerdings sind mir im ersten Bearbeitungsjahr zwei ganz wesentliche Herausforderungen begegnet, die es zu meistern gilt: Zum einen – und das ist ganz zentral – sollten meine Analysekategorien klar definiert sein. Gerade bei „politisch“ und bei „Gewalt“ ist das gar nicht so einfach, weil es sich um sogenannte „moving targets“ handelt, also Analysekategorien, deren Bedeutungszuschreibungen sich im Laufe des Untersuchungszeitraums verändern. Ich werde ausgiebig darüber nachdenken müssen, wie sich diese Erkenntnis auf den Umgang mit den zeitgenössischen Quellen auswirken wird. Apropos – ein weiterer Knackpunkt ist bei meiner Arbeit selbstverständlich auch die Auswahl der Quellen. Ich werde nicht umhinkommen, mich auf ein paar wenige Fallstudien zu fokussieren, damit ich nicht im Material ‚untergehe‘. Gleichzeitig muss ich aufpassen, einen nicht allzu engen Zuschnitt zu wählen, der ein verzerrtes Bild generiert; eine ergebnisoffene Herangehensweise an das Material ist also ganz essenziell. Dafür gehe ich – in Ermangelung eines besseren Wortes – schleifenartig vor, indem ich natürlich sehr viel Sekundärliteratur lese, an die ich eine intensive Quellenarbeit anschließe, um dann wiederum deren Inhalte vor dem Hintergrund des Forschungsstandes zu reflektieren.
Wie sieht Ihr weiteres Vorgehen aus?
Gerade befinde ich mich am Ende meines ersten Dissertationsjahres – ein guter Zeitpunkt, sowohl um zu reflektieren, was schon geschafft wurde, als auch darüber nachzudenken, wie es weiter gehen soll. Während der kommenden Wochen möchte ich die restlichen Archivalien, die mich im Stuttgart Stadtarchiv interessieren, sichten und auswerten und gleichzeitig meine Archivbesuche in Österreich vorbereiten. Diese Reisen werden mich höchstwahrscheinlich in das Österreichische Staatsarchiv, das Karl von Vogelsang-Institut zur Erforschung der Geschichte der christlichen Demokratie in Österreich und das Archiv des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung führen. Diverse österreichische Stadtarchive stehen ebenfalls ganz oben auf meiner Liste. Um die zu sichtenden Archivalien möglichst zielgerichtet zu durchforsten, ist es außerdem unerlässlich, dass ich in den kommenden Wochen nochmals mein Wissen zur österreichischen Demokratie- und Gewaltgeschichte auffrische. Ich freue mich schon auf die spannende Lektüre! Wichtig sind außerdem regelmäßige Treffen mit den anderen Mitgliedern des Gesamtforschungsprojekts, um über offene Fragen zu diskutieren oder den ein oder anderen gedanklichen Knoten gemeinsam zu lösen. Meine Dissertation ist in einem von der Gerda-Henkel-Stiftung geförderten Projekt angesiedelt, das eine transnationale Perspektive einnimmt; zwei Kollegen haben äußerst spannende Projekte, einmal zu politischer Gewalt und zur Gewaltabkehr in Japan (1945–1960) und einmal zum Verhältnis von Rechtsstaatlichkeit und Polizeigewalt im italienischen ‚Kalten Bürgerkrieg‘ (1947–1960).
Link zur Projektseite: https://uni-tuebingen.de/fakultaeten/philosophische-fakultaet/fachbereiche/geschichtswissenschaft/seminareinstitute/zeitgeschichte/forschung/demokratie-und-diktatur/raue-nachkriegsdemokratien/

Amrei Kienle hat an der Universität Stuttgart Geschichte und Politikwissenschaft im Bachelor studiert. Daran schloss sich ein Masterstudium Geschichte mit Schwerpunkt Zeitgeschichte an der Universität Tübingen an. Seit Juli 2025 ist sie Promotionsstipendiatin der Gerda Henkel Stiftung an der Universität Tübingen (Betreuung Prof. Dr. Sonja Levsen, Universität Tübingen)
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Günter Riederer (19. Juni 2026). Das Stadtarchiv und seine Nutzung – Was meint der Begriff „raue Demokratie“? Archiv0711. Abgerufen am 4. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16fm1





