Einblicke ins Stadtarchiv – Unsere Woche als FAMIs
Es ist wieder Anfang Juli und wie jedes Jahr besuchen FaMIs, also Fachangestellte für Medien und Informationsdienste, aus benachbarten Bibliotheken das Stadtarchiv und machen eine Woche bei uns Praktikum. Wie schon in den Jahren 2021, 2022, 2023, 2024 und 2025 haben wir unsere Gäste auch dieses Mal um einen Blogbeitrag mit ihren Erfahrungen gebeten. Hier ist ihr Bericht:
Im Rahmen unserer Ausbildung durften wir eine Woche in das Stadtarchiv schnuppern. Da sich wahrscheinlich viele Menschen – wie auch wir anfangs – unter der Arbeit in einem Archiv nur wenig vorstellen können, wollen wir unsere Einblicke hier teilen.
Gleich zu Beginn erhielten wir eine Führung durch das historische Archivgebäude und lernten das Team kennen: ein vielfältiges Kollegium mit sehr unterschiedlichen Fachaufgaben. Alle, die wir kennenlernen durften, waren sehr begeistert von ihrem Beruf und der Archivarbeit [Anmerkung der Blog-Redaktion: Das hören wir natürlich gerne!]. Außerdem führten uns die Mitarbeitenden in die öffentliche online-Rechercheplattform Findbuch.Net ein, sodass wir erste thematische Recherchen nach Archivunterlagen praktisch ausprobieren konnten.
Aufgabenbereiche und Bestände
Im Verlauf der Woche bekamen wir einen guten Überblick über die verschiedenen Arbeitsbereiche des Stadtarchivs: die Foto- und Filmabteilung, die Karten- und Planabteilung, die Magazinräume mit verschiedensten Unterlagenarten wie Nachlässen, Plakaten, Verwaltungsakten, Mikrofilmen, digitale Speichermedien sowie eine überraschend große Gemäldesammlung. Letztere wird unter anderem bei einer jährlichen Führung zum Weltfrauentag präsentiert, in der Gemälde von Frauen und deren biografische und berufliche Hintergründe vorgestellt werden. Außerdem lernten wir den Papierrestaurator kennen, der uns Techniken zur Erhaltung und Reparatur von Papier zeigte. Insgesamt wurde deutlich: Das Archiv ist das Gedächtnis der Stadt und bewahrt Quellen langfristig.
Erschließung, Bewertung und Konservierung
Besonders beeindruckt hat uns, wie viel bewertet werden muss, bevor Unterlagen ins Archiv übernommen werden. Bei der Bewertung gilt es, die Archivwürdigkeit von Unterlafen zu beurteilen. Das durften wir an eigenen Beispielen üben. Anschließend wird das Archivmaterial erschlossen, sodass es online recherchierbar ist. Wir erhielten Einblicke in die sorgsame Verpackung und Konservierung (zum Beispiel das Entfernen von Metallteilen wie Büroklammern) und übten praktische Techniken wie das Binden mit dem Archivknoten.
Persönliche Einblicke: der Nachlass 2838 Irma und Margarete Müller
Ein besonders spannender Bestand war der Nachlass zweier Schwestern: Irma und Margarete Müller, die Anfang des 20. Jahrhunderts lebten. Ihr Lebensweg – beide musisch geprägt, eine später im Archiv tätig – gab uns einen konkreten Zugang zur Sozialgeschichte jener Zeit. So beinhaltet der Nachlass beispielsweise Unterlagen, die die Auswirkungen des Nationalsozialismus dokumentieren, etwa durch Nachweise der „arischen Abstammung“. Besonders hervorzuheben sind Unterlagen, die einen Fall sexueller Belästigung am Arbeitsplatz aus den 1960er Jahren dokumentieren, den Irma Müller zur Anzeige brachte. Solche Bestände machen die Vergangenheit für uns greifbar und zeigen, wie Archive persönliche und gesellschaftliche Geschichten bewahren.
Digitale Angebote und Bildungsarbeit
Das Stadtlexikon und dessen digitale Kartenfunktion, bei der historische und aktuelle Karten übereinandergelegt werden können, sind hervorragende Tools, um den Wandel der Stadt sichtbar zu machen. Wir können sie allen empfehlen, die sich für Stuttgart und seine Geschichte interessieren. Abschließend wurden wir in die pädagogische Arbeit des Archivs eingeführt: Wir unterstützten eine Führung für eine Schulklasse und halfen bei Rechercheaufgaben, was sehr eindrücklich zeigte, wie Archive als Lernorte fungieren können.
Fazit
Insgesamt war die Woche im Stadtarchiv sehr spannend und lehrreich. Wir bekamen Einblicke in die Vielfalt der Bestände, die Sorgfalt der Erschließung und Bewahrung sowie in die Bildungsangebote für die Öffentlichkeit. Unser Tipp: Wer Interesse an Stadtgeschichte hat, sollte dem Archiv unbedingt einmal einen Besuch abstatten.
Maéva Lelièvre, Dario Logarusic, Lucia Schwanzara und Leonie Spitz (alle Stadtbibliothek Stuttgart)
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Stadtarchiv Stuttgart (16. Juli 2026). Einblicke ins Stadtarchiv – Unsere Woche als FAMIs. Archiv0711. Abgerufen am 4. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16lb0








