„Der Leidensweg Christi führt durch Cannstatt“ – das Passionsspiel in den 1980er Jahren
Römische Soldaten ziehen durch die Straßen Bad Cannstatts. In ihrer Mitte ein Mann. Er trägt eine Dornenkrone und ein Kreuz. Ein Kind dreht sich zu seiner Mutter und fragt: „Du Mutti, spielen die Theater?“ Es ist Karfreitag.

Was zunächst wie ein aufwendiges Theaterstück oder eine Form von historischem Reenactment wirkt, ist tatsächlich ein italienisch-deutscher Kulturtransfer. Diese besonders in Süditalien verbreitete Tradition reicht bis ins Mittelalter zurück und rückt das gemeinschaftliche Erleben der Leiden Christi in den Mittelpunkt. Laienschauspieler verkörpern verschiedene biblische Persönlichkeiten, einschließlich Jesus Christus selbst. Während die Oberammergauer Passionsspiele ebenfalls auf eine lange Tradition zurückblicken können, verbreiteten sich Passionsspiele in italienischer Sprache erst durch die Arbeitsmigration der sogenannten „Gastarbeiter“ im Nachkriegsdeutschland.
Kreuzweg durch Bad Cannstatt
1979 organisiert die Missione Cattolica Italiana erstmals ein solches Passionsspiel in Bad Cannstatt. Nach zweijähriger Vorbereitung und ausgestattet mit Kostümen der Staatstheater ziehen die 20 Darsteller von der Martinskirche und der Brückenstraße über 14 Stationen des Kreuzwegs zum Kurpark. Hier endet die Prozession mit der Kreuzigung. Pater Luigi Canesso begleitet die Stationen mit der Rezitation alter sizilianischer Texte und einer kurzen Ansprache mit anschließender deutscher Übersetzung.

Ab 1980 etablieren sich vier feste Stationen: Der Verrat und die Verurteilung Jesus Christus werden vor der Kirche St. Martin gezeigt, am Bezirksrathaus reicht Veronika Jesus das Schweißtuch, in der Schmidener Straße hilft Cireneus beim Tragen des Kreuzes und im Kurpark wird das Kreuz aufgestellt. 1982 folgen bereits 1.300 Personen der nun jährlich stattfindenden „Processione del Cristo Morto“. Neben der Stärkung des katholischen Glaubens sollen die Prozessionen auch für mehr Sichtbarkeit italienischstämmiger Menschen sorgen und deren gesellschaftlicher Isolation entgegentreten. Ende der 1980er Jahre fanden ähnliche Umzüge bereits in Ludwigsburg, Mühlacker, Bönnigheim und beispielsweise auch dem hessischen Bensheim statt.

Kein Theater
Zu Ostern 1988 sind es schon 60 Darsteller mit ungefähr 5.000 Teilnehmern an der zweistündigen Prozession. Den Beteiligten ist dabei wichtig, dass es sich eben nicht um Theater oder Schauspielerei handelt, was 1987 auch die Stuttgarter Nachrichten betonten: „Da fehlen die berechnende Mimik der Darsteller, da wirkt nichts einstudiert oder gar aufgesetzt. Hier führen Gefühl und Glaube Regie.“ Eine Unwägbarkeit stellt das launische Osterwetter dar – von brütender Hitze bis wenigen Grad über Null zeigte es sich oft deutlich unbeständiger als in Italien – so ist 1987 in den Stuttgarter Nachrichten zu lesen: „Fünf Grad über null, das ist selbst für einen hartgesottenen römischen Legionär schwer zu ertragen.“
Quellen
- „Verkörperter Karfreitag“, in: Stuttgarter Zeitung Nr. 88 vom 17.04.1979, S. 19.
- „‚Processione del Cristo Morto‘ durch die Cannstatter Innenstadt“, in: Cannstatter Zeitung vom 17.04.1979, S. 5.
- „In vier Szenen den Leidensweg Christi nachvollzogen“, in: Stuttgarter Nachrichten Nr. 81 vom 5.04.1980, S. 25.
- „Unter düsterem Himmel gekreuzigt“, in: Stuttgarter Nachrichten Nr. 76 vom 2.04.1983, S. 27.
- „Kreuzweg auf den Straßen Cannstatts“, in: Katholisches Sonntagsblatt. Kirchenzeitung für die Dözese Rottenburg-Stuttgart Nr. 16 vom 22.04.1984, S. 18.
- „Auf Lucianos Weg führen Gefühl und Glaube Regie“, in: Stuttgarter Nachrichten Nr. 90 vom 18.04.1987, S. 24.
- „Der Leidensweg Christi führt durch Cannstatt“, in: Stuttgarter Nachrichten Nr. 77 vom 2.04.1988, S. 24.
- „Statt Popmusik zurück zur Tradition“, in: Stuttgarter Zeitung Nr. 70, vom 25.03.1989, S. 25.
Literatur
- Dingeldein, Diane: Das Bensheimer Passionsspiel: Studien zu einem italienisch-deutschen Kulturtransfer. Münster 2013, S. 185 ff.
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Michael Herzog (2. April 2026). „Der Leidensweg Christi führt durch Cannstatt“ – das Passionsspiel in den 1980er Jahren. Archiv0711. Abgerufen am 4. September 2026 von https://doi.org/10.58079/15zsw





