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Das Stadtarchiv und seine Nutzung – Wie schreibt man eine Geschichte der Hausfrauen?

Jeden Tag treffen in einem Stadtarchiv eine Vielzahl von Anfragen ein – per Mail, per Telefon, persönlich im Lesesaal, mittlerweile nur noch ganz selten per Briefpost. Wir wollen im Blog in loser Folge die Geschichten erzählen, die hinter diesen Anfragen stecken und besondere Beispiele aus der Nutzung des Stadtarchivs Stuttgart vorstellen. Dieses Mal geht es um die Geschichte der Hausfrauen. Prof. Dr. Hedwig Richter (Universität der Bundeswehr München) hat bei uns recherchiert und wir haben ihr nach ihrem Besuch per Mail ein paar Fragen gestellt.

  • Welches Thema hat Sie zu uns geführt?

Die Hausfrauen in der frühen Bundesrepublik.

  • Welche Quellen haben Sie im Stadtarchiv Stuttgart gefunden

Ich habe hochinteressante Quellen gefunden. Das waren zum einen Vereinsquellen wie über den Stuttgarter Zweigverein des Deutschen Hausfrauenbundes und anderer Frauenvereine. Besonders spannend sind auch die Unterlagen zur Konsumgenossenschaft: Wie haben die Menschen die Marktwirtschaft in den 1950er Jahren verstanden, welche Rolle haben darin die Frauen gespielt? Dann Quellen aus der Verwaltung: etwa die Veranstaltung von Haushaltsausstellungen, Empfänge, Reden des Oberbürgermeisters zum Thema Hausfrauen (ja, das gibt es!); Nachlässe von engagierten Frauen – und ein Haushaltsbuch, das eine Stuttgarterin über Jahrzehnte geführt hat.

  • Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor? Welche Methoden wenden Sie an?

Nun, die Quellennähe ist mir wichtig. Natürlich versuche ich, so viel Forschungsliteratur wie möglich zu meinem Thema zu lesen, aber eine eigene Perspektive erhält man dann doch erst mit dem Studium der Quellen – oft sogar eine neue Perspektive.

  • Können Sie schon erste Ergebnisse Ihrer bisherigen Forschungen formulieren?

Meine leitende Frage ist, warum die westlichen Demokratien um 1950 auf ein repressives Geschlechtermodell verfallen, die Hausfrauenehe, die dem Mann klare Vorteile gegenüber der Frau einräumt und die Frau aus dem öffentlichen Raum verdrängt.

Ich will aber auch zeigen, wie wichtig und oft auch großartig die Leistungen der Hausfrauen waren. Das wird bei meiner ersten These deutlich: Die Hausfrau wurde um 1950 neu erfunden, weil sie den Männern in Zeiten großer Krisen und Unsicherheiten Sicherheit gewährt hat und alles Problematische (etwa auch die in dieser Zeit rapide ansteigenden Umweltzerstörungen) mit weiblichem Glanz bedeckt; dadurch wurden die Krisen und die Zerstörungen erträglicher, oft sogar schöner.

  • Gibt es in dem bei uns ausgewerteten Material Unterlagen, die für Ihre Forschung eine besondere Bedeutung haben?

An vielen Stellen. Ich will hier nochmal auf die Unterlagen der Konsumgenossenschaft verweisen, die dem aufstrebenden Kapitalismus eine neue, andere Haltung entgegen hält. Die Genossenschaftsbewegung war damals stark und zeigt, dass es wie eigentlich immer Alternativen gegeben hätte. Als Historikerin will ich zeigen, dass nichts „natürlich“ geschieht, sondern alles seine Gründe hat und manches auch kontingent ist.


Foto: Gene Clover

Hedwig Richter ist Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität der Bundeswehr in München. Zuletzt erschien von ihr „Aufbruch in die Moderne. Reform und Massenpolitisierung im Kaiserreich“ (Suhrkamp, 2021) und „Demokratie und Revolution. Wege aus der selbstverschuldeten ökologischen Unmündigkeit“ (Kiepenheuer & Witsch, 2024).

Günter Riederer
Günter Riederer

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Günter Riederer (10. April 2026). Das Stadtarchiv und seine Nutzung – Wie schreibt man eine Geschichte der Hausfrauen? Archiv0711. Abgerufen am 4. September 2026 von https://doi.org/10.58079/161r0


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