Zwischennutzung in Ruinen – die Kamera-Lichtspiele 1947-1957
Die Entwicklung der Stuttgarter Kinolandschaft war nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 von Improvisation und Mangelverwaltung geprägt – zugleich war das Bedürfnis nach Ablenkung und Information innerhalb der Stadt und der Besatzungstruppen groß. Aus dieser Situation heraus entstand beispielsweise das im Mai 1947 eröffnete U-Kino vor dem Hauptbahnhof. Während dort bestehende Bunkeranlagen umfunktioniert wurden, zogen die Kamera-Lichtspiele im selben Jahr in das kriegszerstörte Kunstgebäude am Schlossplatz ein.

Projekt Reithalle
Bereits 1946 hatte sich der Kaufmann Heinz Julius Beez (1889–1955) bei der Stadt um Räumlichkeiten für ein neu zu gründendes Kino bemüht und dabei seinen Blick zunächst auf die Königliche Reithalle neben dem Opernhaus geworfen. In Kooperation mit dem Philharmonischen Orchester sollte ein Lichtspielhaus entstehen, welches an 26 Tagen im Jahr auch vom Orchester genutzt werden könne. Nachdem durch eine eigens hierfür gegründete GmbH mit dem Eigentümer – der Landesverwaltung – bereits ein Vertrag über die Nutzung geschlossen wurde, trieb Beez den Umbau voran. Rasch bremste ihn allerdings die allgegenwärtige Knappheit an Baumaterialien aus und brachte das Projekt zum Stillstand. Ende 1949 verhandelten städtische Stellen bereits mit anderen Interessenten über eine Nutzung der Halle, die 1958 schließlich gesprengt wurde.

„Spitzenleistungen der Filmkunst“
Im Falle des Kunstgebäudes war Beez mehr Erfolg beschieden. Zunächst lehnte allerdings die Technische Abteilung des Gemeinderats ein entsprechendes Baugesuch am 20. November 1946 ab. Schließlich gelang es Beez aber, im weniger stark zerstörten Teil des 1913 fertiggestellten Kunstgebäudes die „Kamera-Lichtspiele“ am 2. Oktober 1947 mit zunächst 361 Sitzplätzen zu eröffnen. Der erste gezeigte Film war die US-amerikanische Komödie „Die Frau, von der man spricht“ (1942). Der Flyer zur Eröffnung verkündet, den Zuschauern „nur das Beste vom Besten und Spitzenleistungen der Filmkunst zu bieten“ und drückt die Hoffnung aus, dass den Zuschauern der regelmäßige Besuch des Kinos „zur ständigen, lieben Gewohnheit“ werde. Der Zugang erfolgte über den Gartenhof des Kunstgebäudes. Das Programm des Kinos stützte sich zunehmend auf amerikanische Produktionen. Nicht zuletzt aufgrund des guten Rufs des Kinos auch bei der US-amerikanischen Besatzungsmacht schaffte es Beez im November 1948, die Weltpremiere von „Nürnberg und seine Lehre“ in die Kamera-Lichtspiele zu holen.

Filmapparate aus dem Planetarium
Den zahlreichen Herausforderungen der Nachkriegszeit begegnete das Kino mit Pragmatismus: Bei Eröffnung nutzte es zwei Filmapparate sowie Lautsprecher aus dem früheren städtischen Planetarium – zunächst ohne Wissen des Eigentümers. Anfang 1949 wurde schließlich ein Mietvertrag mit der Stadt geschlossen, das Kino verwendete die stark veralteten Geräte allerdings ab September 1951 nicht mehr und lagerte diese ein. Durch auffällige und möglichst ansprechende Werbeanzeigen versuchte das Lichtspielhaus, sich im umkämpften Kinomarkt Stuttgarts zu etablieren. Finanzielle Schwierigkeiten blieben den Kamera-Lichtspielen jedoch nicht erspart. Auch die Auslastung des Kinos blieb hinter den Konkurrenten zurück. Im ersten Quartal 1954 verkaufte das Kino durchschnittlich nicht einmal 30 % der verfügbaren Karten. Der umtriebige Geschäftsmann Beez, der parallel auch die Deli-Lichtspiele in Degerloch betrieb, verstarb im Dezember 1955. Im Zuge des Wiederaufbaus des Kunstgebäudes schlossen die Kamera-Lichtspiele endgültig am 11. Juli 1957.
Quellen aus dem Stadtarchiv Stuttgart
17/1 Hauptaktei Gruppe 3, Nr. 702 Frage des Ausbaues der Staatlichen Reithalle Neckarstraße für ein Konzerthaus, Filmtheater, 1945-1948.
17/1 Hauptaktei Gruppe 3, Nr. 2168 Lichtspieltheater in Stuttgart: Kamera-Lichtspiele, 1946-1948.
17/1 Hauptaktei Gruppe 3, Nr. 2287 Mietweise Überlassung und Verkauf von Kinomaschinen des früheren Planetariums an die Kamera-Lichtspiele, 1947-1959.
178/1 Statistisches Amt, Nr. 41 Kulturstatistik betreffend Lichtspielhäuser (Kinos), 1946-1949.
178/1 Statistisches Amt, Nr. 44 Kulturstatistik betreffend Lichtspielhäuser (Kinos), 1954-1956.
178/1 Statistisches Amt, Nr. 45 Kulturstatistik betreffend Lichtspielhäuser (Kinos), 1956-1958.
9100 Drucksachensammlung, Nr. 1198 Kamera-Lichtspiele im Kunstgebäude.
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Michael Herzog (8. Mai 2026). Zwischennutzung in Ruinen – die Kamera-Lichtspiele 1947-1957. Archiv0711. Abgerufen am 4. September 2026 von https://doi.org/10.58079/166z3





