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Blühende Verbindung im geteilten Deutschland – Austausch zwischen Stuttgart und Erfurt anlässlich der Gartenschauen 1950

Nach der politischen Teilung Deutschlands im Jahr 1949 wurden Kontakte zwischen den beiden deutschen Staaten zunehmend kompliziert. Umso bemerkenswerter ist es, dass 1950, nur wenige Monate nach der Gründung von Bundesrepublik und DDR, ein fachlicher Austausch zwischen Stuttgart und Erfurt geplant wurde. Anlass waren zwei große Gartenschauen, die nahezu zeitgleich in beiden Städten stattfanden. Doch was zunächst wie ein vorsichtiger Schritt in Richtung gesamtdeutscher Verständigung wirkte, entwickelte sich zu einem aufschlussreichen Beispiel dafür, wie sensibel selbst kommunale und fachliche Begegnungen im frühen Interzonenverkehr bereits geworden waren.

Eine zarte Knospe des Neuanfangs: Die ersten Gartenschauen nach 1945

Schon wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden in Deutschland wieder Gartenschauen geplant. Sie sollten nicht nur gärtnerische Anregungen bieten, sondern auch Normalität vermitteln, den Wiederaufbau unterstützen und ein Zeichen für einen kulturellen Neuanfang setzen.

In der Bundesrepublik markierte 1949 die Südwestdeutsche Gartenschau in Landau/Pfalz einen ersten überregionalen Impuls. Bereits 1950 folgte auf dem stark kriegszerstörten Stuttgarter Killesberg die Deutsche Gartenschau, die als Bindeglied zu der ab 1951 etablierten Bundesgartenschau gilt. Formal und institutionell – aber nicht ideologisch – stand sie damit aber auch in Kontinuität zur Tradition der Reichsgartenschau.

Auch in der sowjetischen Besatzungszone bzw. späteren DDR spielten Gartenbauausstellungen eine wichtige Rolle. Schon im Herbst 1945 fand in Erfurt unter dem Motto „Kampf dem Hunger“ die erste Gartenbauausstellung der Nachkriegszeit statt. 1950 richtete die Stadt auf dem Gelände der Cyriaksburg parallel zur Stuttgarter Schau ebenfalls eine Deutsche Gartenschau aus.

Ein Zeichen gesamtdeutscher Verbundenheit?

Zu Jahresbeginn 1950 wandte sich der Rat der Stadt Erfurt an zahlreiche westdeutsche Kommunen, darunter Stuttgart. Er bat um die Übersendung von Fahnen und Wimpeln, um den Ehrenhof der Erfurter Gartenschau mit Symbolen bedeutender Städte aus beiden deutschen Staaten zu schmücken.

So sollte die ‚Deutsche Gartenschau 1950 – Blumenstadt Erfurt‘

„ein möglichst geschlossenes Bild der Entwicklung und der Leistungsfähigkeit des Gartenbaus in der sowjetischen Besatzungszone vermitteln, aber auch dazu dienen, durch Krieg, Zusammenbruch und Zonentrennung zerstörte Geschäftsverbindungen wieder anzuknüpfen und somit für die von den weitesten Kreisen der Bevölkerung angestrebte Wiederherstellung der Einheit Deutschlands werben.“

Der Deutsche Städtetag der Bundesrepublik unterstützte diese Initiative grundsätzlich, auch wenn Zweifel laut wurden, ob die Vorstellungen von der deutschen Einheit in Ost und West tatsächlich übereinstimmten. Die DDR sah das eigene politische System als überlegen an und strebte zu diesem Zeitraum danach, Deutschland unter sozialistischen Bedingungen zu vereinen. Diese Form der deutschen Wiedervereinigung stand im Widerspruch zu den Vorstellungen der parlamentarisch-demokratisch und sozial-marktwirtschaftlich orientierten Bundesrepublik.

Ein hoffnungsvoller Beginn

Im März 1950 konkretisierte sich ein direkter Austausch zwischen Stuttgart und Erfurt. Dr. Walter Steinle, Sonderbeauftragter des Verbands des Deutschen Gemüse-, Obst- und Gartenbaus und Mitglied der Gesamtleitung der Stuttgarter Gartenschau, lud die Verantwortlichen der Erfurter Ausstellung offiziell zur Eröffnung der Deutschen Gartenschau nach Stuttgart ein.

In seinem Schreiben drückte er zudem deutlich den Wunsch aus, dass eine Delegation aus Stuttgart, darunter Vertreter des Gartenbaus, der Ausstellungsgestaltung und auch der Stadtverwaltung, nach Erfurt zur dort stattfindenden Gartenschau eingeladen werden möchte. Gleichzeitig regte er an, möglichst vielen Erfurter Gärtnern den Besuch der Stuttgarter Ausstellung zu ermöglichen.

Die Erfurter Ausstellungs GmbH nahm die Einladung aus Stuttgart dankbar an und stellte einen Gegenbesuch in Aussicht. Das Antwortschreiben aus Erfurt lässt jedoch auch die Herausforderungen erkennen, die bei Reisen über die innerdeutsche Grenze auftraten. Die Gegenbesucher aus Erfurt mussten im Vorfeld sorgfältig ausgewählt werden. Eine unbefangene, freie Möglichkeit für alle Interessierten, einfach so nach Stuttgart zur Gartenschau zu reisen, war nicht ohne die vorherige Zustimmung von Fachgremien möglich. Auch für die Einreise in die DDR bedurfte es einer genauen vorherigen Planung, da die Stuttgarter bereits ab dem Grenzübergang von offizieller Seite in Empfang genommen werden mussten.

Es war alles vorbereitet für den Besuch in Erfurt. Eine namentlich auf den Direktor des Stuttgarter Verkehrs- und Werbeamts, Dr. Ulrich Seeliger, ausgestellte Aufenthaltsgenehmigung im Stadtgebiet Erfurt. Ein Sinnbild für die komplexen Einreisemodalitäten in die DDR. Stadtarchiv Stuttgart 185/1 Verkehrsamt Nr. 87

Mitte April teilte Dr. Walter Steinle per Schreiben an Erfurt nachträglich mit, dass sich auch der städtische Beigeordnete Kraufmann der Reise anschließen wolle. Die Fahrt sollte mit einem Dienstwagen der Stadtverwaltung erfolgen. Damit vergrößerte sich der Kreis der Interessierten aus Stuttgart und der Weg für einen offiziellen Austausch schien geebnet.

Planung mit Hindernissen und ein unerwarteter Rückzug

Vereinbart wurde nach einigem schriftlichen Hin und Her schließlich ein gegenseitiger Besuch von jeweils sechs Personen. Ab der Zonengrenze sollte die jeweils gastgebende Stadt die Kosten übernehmen.

Stadtarchiv Stuttgart 185/1 Verkehrsamt Nr. 87

Doch während die Einladungen zunächst verbindlich klangen, zeigt interner Schriftverkehr der Stuttgarter Verwaltung bald ein anderes Bild. Schrittweise zog sich die Stadtverwaltung Stuttgart von der Teilnahme zurück. Offizielle Vertreter der Stadt Stuttgart sollten am Ende doch nicht nach Erfurt reisen, nicht einmal städtische Fahrer.

Der städtische Beigeordnete Kraufmann stellte die bisherigen Planungen, dass zumindest ein Teil der städtischen Verwaltung am Gegenbesuch in Erfurt teilnehmen solle, infrage. In der Folge wurde die Reise nach Erfurt für alle ursprünglich vorgesehenen städtischen Repräsentanten, darunter auch der Direktor des Stuttgarter Verkehrs- und Werbeamts, Dr. Seeliger, zurückgenommen.

Offiziell wurde diese Zurückhaltung durch den Beigeordneten Kraufmann damit begründet, dass für den Besuch der Erfurter Gartenschau ausschließlich fachliches Interesse bestehe und die Stadt selbst daher nicht beteiligt sei.

Die Teilnahme der Stadtverwaltung am Besuch in Erfurt wird abgelehnt. Stadtarchiv Stuttgart 20/1 Hauptaktei Nr. 929

Die Akten lassen offen, welche genauen Gründe letztendlich ausschlaggebend für den Rückzug der Stadtverwaltung waren. Ein tatsächlich fehlendes Interesse oder ein Missverständnis in der ursprünglichen Kommunikation könnten ebenso eine Rolle gespielt haben wie politische Vorsicht oder die Unsicherheit darüber, wie ein offizieller Besuch in beiden deutschen Staaten wahrgenommen werden würde. Gerade diese Zurückhaltung macht jedoch deutlich, wie schwierig selbst scheinbar unpolitische Begegnungen im Jahr 1950 geworden waren.

Zwischen Annäherung und Abgrenzung

So reisten schließlich nur Fachleute aus dem gärtnerischen Bereich nach Erfurt. Die Chronik der Gartenschau Erfurt 1950 (Stadtarchiv Erfurt, Signatur 1-5/3814-17084) vermerkt für den 9. Juli 1950, den ersten Ausstellungs-Sonntag:

„Drei Herren aus Stuttgart, Gartenfachleute, welche an der dortigen Ausstellung beteiligt sind, waren Gäste unserer Ausstellungs-Leitung. Sie sprachen sich sehr anerkennend über unsere Gartenschau aus, über den Plan, die Einzelleistungen und über das schöne Gelände.“

Der Ausstellungsplan und Veranstaltungskalender der Deutschen Gartenschau 1950 „Erfurt blüht“. Vorlage: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen – Ministerium für Land- und Forstwirtschaft Nr. 377 Bl. 54v 55v
Vorlage: Landesarchiv Thüringen – Hauptstaatsarchiv Weimar, Land Thüringen – Ministerium für Land- und Forstwirtschaft Nr. 377 Bl. 54r 55r

Aus den Ratsprotokollen und Ratsbeschlüssen der Stadt Erfurt geht hervor, dass Stadtrat Beyer und Stadtbaurat Strehl als offizielle Vertreter des Rates der Stadt Erfurt für den Besuch der Stuttgarter Gartenbauausstellung benannt wurden. Anders als Stuttgart verstand Erfurt den Austausch damit vermutlich nicht nur als fachliche, sondern auch als kommunalpolitische Begegnung.

Der geplante Austausch zwischen Stuttgart und Erfurt verdeutlicht, wie eng Chancen und Grenzen innerdeutscher Kontakte in den frühen Jahren der Teilung beieinanderlagen.

Quellen im Stadtarchiv:

Zum geplanten Austausch zwischen Erfurt und Stuttgart anlässlich der Gartenschauen 1950:

Akte 20/1 Hauptaktei Nr. 929 zu „Garten- und Parkanlagen, Ausstellungen, Deutsche Gartenschau 1950 in Erfurt […]“

Akte 185/1 Verkehrsamt Nr. 87 zur Gartenschau 1950

Melanie Köhler-Pfaffendorf
Melanie Köhler-Pfaffendorf

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Melanie Köhler-Pfaffendorf (22. Mai 2026). Blühende Verbindung im geteilten Deutschland – Austausch zwischen Stuttgart und Erfurt anlässlich der Gartenschauen 1950. Archiv0711. Abgerufen am 4. September 2026 von https://doi.org/10.58079/169cp


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