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Das Stadtarchiv und seine Nutzung – Die Erforschung eines vergessenen Architekturjuwels: Das Schweizerhaus auf der Karlshöhe

Jeden Tag treffen in einem Stadtarchiv eine Vielzahl von Anfragen ein – per Mail, per Telefon, persönlich im Lesesaal, mittlerweile nur noch ganz selten per Briefpost. Wir wollen im Blog in loser Folge die Geschichten erzählen, die hinter diesen Anfragen stecken und besondere Beispiele aus der Nutzung des Stadtarchivs Stuttgart vorstellen. Im heutigen Interview geht es um das 1852/53 gebaute Schweizerhaus auf der Stuttgarter Reinsburg/Karlshöhe, als ein außergewöhnlich gut erhaltenes Beispiel für ein herrschaftliches Garten- und Landhaus seiner Zeit. Simon Otto Volk hat das Schweizerhaus im Rahmen seiner Masterarbeit untersucht und dazu auch im Stadtarchiv Stuttgart recherchiert. In seinem Vortrag am Mittwoch, 20. Mai 2026 um 19.00 Uhr im Vortragssaal des Stadtarchivs, rekonstruiert Simon Otto Volk die Baugeschichte des Schweizerhauses und ordnet den Bautypus sowohl in die überregionale Entwicklung als auch in Stuttgarts Stadtentwicklung des 19. Jahrhunderts ein.

Herr Volk, wie sind Sie auf das Schweizerhaus auf der Karlshöhe aufmerksam geworden, und was hat Ihr Interesse an diesem Gebäude geweckt?

Das Schweizerhaus auf der Karlshöhe kenne ich tatsächlich schon seit meiner Jugend – durch Spaziergänge oder Treffen im Biergarten dort oben. Schon damals hat mich seine besondere Atmosphäre fasziniert: Im Sommer verschwindet es beinahe hinter den Bäumen und wirkt dadurch fast geheimnisvoll und verwunschen.

Darüber hinaus interessieren mich oft gerade jene Gebäude oder Gartenanlagen, die weniger im Blickpunkt stehen als die bekannten und anerkannten Denkmale. Das Schweizerhaus ist für mich eines dieser vergessenen Architekturjuwele Stuttgarts, denen es guttut, wieder etwas mehr Aufmerksamkeit zu erhalten.

Etwas versteckt hinter Bäumen befindet sich das Schweizerhaus in der Bildmitte. Stadtarchiv Stuttgart 9200 F 2470_036

Welche Quellen im Stadtarchiv Stuttgart waren für Ihre Untersuchung besonders wichtig, und gab es dabei überraschende Funde?

Die historischen Bauakten waren für meine Recherche in vielerlei Hinsicht äußerst hilfreich. Das eigentliche Baugesuch zum Schweizerhaus, aus dem der Architekt eindeutig hervorgegangen wäre, konnte im Baurechtsamt Stuttgart allerdings nicht mehr aufgefunden werden. Glücklicherweise besitzt das Stadtarchiv Bauakten aus der Zeit um 1900 sowie aus den Nachkriegsjahren, die zumindest Einblicke in die Baugeschichte ermöglichen. Der Architekt selbst wurde jedoch auch dort nicht ausdrücklich genannt.

Um dieser Frage näherzukommen, habe ich anschließend sämtliche Bauten recherchiert, die der Buchverleger Carl Hoffmann als Bauherr errichten ließ. Dabei zeichnete sich ein recht klares Bild ab: Für seine privaten und repräsentativen Wohn- und Geschäftsbauten beauftragte Hoffmann regelmäßig den Professor für Baukonstruktionslehre Gustav Adolph Breymann. Da die beiden zudem persönlich verbunden waren und Hoffmann außerdem Breymanns vierbändiges Werk Die allgemeine Bauconstructionslehre verlegte, liegt die Vermutung nahe, dass auch das Schweizerhaus auf der Reinsburg von Breymann entworfen wurde.

Das Aquarell von Clara Reiniger zeigt das Schweizerhaus. Stadtarchiv Stuttgart 9050 Nr. 02984

Ein besonders schöner Fund war außerdem ein Aquarell von Clara Reiniger aus dem Jahr 1863. Die detailreiche Darstellung zeigt das Schweizerhaus von Südosten und bestätigte mehrere Farbbefunde am Gebäude, wodurch sich einzelne Farbfassungen zeitlich genauer einordnen ließen. Darüber hinaus liefert das Aquarell wertvolle Hinweise auf die ursprüngliche Dachdeckung – sogar ein für die Zeit typischer Blitzableiter ist darauf zu erkennen.

Was macht das Schweizerhaus aus Ihrer Sicht zu einem besonderen Beispiel bürgerlicher Garten- und Landhausarchitektur des 19. Jahrhunderts in Stuttgart?

Besonders an dem Bau war und ist seine Lage und Ausrichtung. Das Schweizerhaus wurde an der Westseite der Karlshöhe errichtet und blickte über die damals noch unbebauten Talhänge hinweg zum Hasenberg – und eben nicht, wie viele stadtnahen Garten- und Landhäuser jener Zeit, auf die Stadt selbst.

Noch heute hat man dort das Gefühl, der Stadt entkommen zu sein, obwohl sie eigentlich ganz nah ist. Mit etwas Vorstellungskraft können die Stuttgarter Talhänge dabei beinahe ein kleines Alpenpanorama ersetzen – was sicherlich gut zur Idee eines Schweizerhauses passte.

Für Stuttgart ist das Gebäude heute zudem eines der wenigen erhaltenen Beispiele früher Garten- und Landhausarchitektur. Besonders bemerkenswert ist dabei, dass nicht nur große Teile des Gartens erhalten geblieben sind, sondern auch Teile der historischen Innenausstattung vollständig oder zumindest in Teilen erhalten geblieben sind.

Schweizerhaus in der Nahaufnahme mit Terrasse und fragmentarisch erhaltener Beeteinfassung. Foto: Simon Otto Volk.

Besonders begeistert hat mich die einstige Farbgestaltung des kleinen Landhauses, insbesondere die Gestaltung der Deckenbalkenköpfe unterhalb der umlaufenden Balkongalerie. Ihre dreiteilige Gliederung und Farbgebung erinnert an die Triglyphen griechischer Tempel, die ebenfalls häufig blau gefasst waren. Gerade diese ungewöhnliche Übertragung eines antiken Architekturmotivs auf ein Schweizerhaus finde ich besonders spannend, weil sie die Verbindung zwischen klassischer und alpiner Architektur eindrucksvoll verdeutlicht.

Welche Bedeutung könnte das Schweizerhaus heute für die Wahrnehmung der Stuttgarter Stadtgeschichte haben – und was wünschen Sie sich für seine Zukunft?

An diesem vergleichsweise kleinen Gebäude lassen sich erstaunlich viele zentrale Themen der Architekturtheorie des 19. Jahrhunderts ablesen. Die Polychromie hatte ich bereits angesprochen; daran anschließend ließe sich beinahe auch die Idee der „Urhütte“ diskutieren, also die Vorstellung eines ursprünglichen, naturverbundenen Bauens. Gleichzeitig verweist das Schweizerhaus mit seinem Bauherrn Carl Hoffmann auf ein heute oft vergessenes Kapitel der Stadtgeschichte: Stuttgart war im 19. Jahrhundert eine bedeutende Verlagsstadt. Dass unter anderem der Schriftsteller Wilhelm Raabe hier zu Gast war, zeigt zudem, in welchem kulturellen Umfeld sich das Haus bewegte. Durch die antikisierenden Elemente des Gebäudes lässt sich außerdem ein Bezug zu dem in Stuttgart tätigen Architekten und Professor Johann Matthäus Mauch herstellen. Über Mauch und Breymann wird gelegentlich gesagt, dass beide – geprägt durch ihre Ausbildung an der Berliner Bauakademie – hier gewissermaßen im Geiste Schinkels wirkten. In dieser Tradition kann auch das Schweizerhaus gesehen werden.

Das Gebäude ist demnach reich an kulturhistorischer Bedeutung – ein echtes Architekturjuwel. Für die Zukunft wäre es natürlich wünschenswert, wenn sich die Stadt als Eigentümerin dem Gebäude wieder stärker widmen würde. Einige Bereiche erfordern in den kommenden Jahren dringendes konservatorisches Handeln, da bereits erhebliche Substanzschäden vorhanden sind, die zu weiterem Verlust historischer Substanz führen könnten. Gleichzeitig möchte ich ausdrücklich betonen, dass die derzeitigen Pächter bereits sehr viel für den Erhalt des Hauses leisten.


Zur Person

Simon Otto Volk war wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Architekturgeschichte der Universität Stuttgart und ist derzeit bei strebewerk. Architekten GmbH tätig. Seine Untersuchung zum Schweizerhaus auf der Karlshöhe entstand im Rahmen seiner Masterarbeit. Am Mittwoch, 20. Mai 2026, stellt er seine Erkenntnisse im Rahmen eines Vortrags im Stadtarchiv Stuttgart vor. Im Foyer des Stadtarchivs Stuttgart werden an diesem Abend Zeichnungen und Modelle aus der Arbeit von Simon Otto Volk gezeigt.

Stadtarchiv Stuttgart
Stadtarchiv Stuttgart

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Stadtarchiv Stuttgart (15. Mai 2026). Das Stadtarchiv und seine Nutzung – Die Erforschung eines vergessenen Architekturjuwels: Das Schweizerhaus auf der Karlshöhe. Archiv0711. Abgerufen am 4. September 2026 von https://doi.org/10.58079/167yu


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