Der Ursprung des Kinos in Stuttgart – eine Spurensuche nach ersten Filmvorführungen
Während der Arbeit an unserer Kinoserie im Blog stellte sich uns die Frage, wie das alles begann – die Geschichte des Kinos in Stuttgart. Wann wurde hier der erste Film gezeigt? Tauchen wir ins Stadtarchiv ein und begeben uns auf Spurensuche.
Ein guter Ausgangspunkt ist die allgemeine Filmgeschichte: Der 28. Dezember 1895 gilt als Geburtsstunde des Kinos, als die Gebrüder Lumière in Paris erstmals öffentlich ihre Erfindung, den Kinematographen, präsentierten. Zur gleichen Zeit existierten mit dem Kinetoskop von Edison und dem Bioskop der Brüder Skladanowsky weitere technische Entwicklungen, mit denen Bildabfolgen sichtbar gemacht werden konnten. Über Zeitungsanzeigen suchten die Firmen der Erfinder nach Vertretern und geeigneten Räumlichkeiten, um ihre Geräte zu verbreiten.

Für Stuttgart findet sich eine frühe Erwähnung in der Schwäbischen Tagwacht vom 23. September 1895. Dort wird berichtet, dass das von Edisons entwickelte Kinetoskop in der Bierhalle „Zum Grafen Eberhard“ in der Eberhardstraße 49 aufgebaut war.

Im Jahr darauf, im Juni 1896, fand die große Elektrotechnik- und Gewerbeausstellung in Stuttgart statt. Der Verdacht liegt nahe, dass hier auch die neuaufkommende Kinematographentechnik Thema war. Und ein Blick in die Ausstellungsnachrichten bestätigt es: Die am 6. Juni 1896 eröffnete Ausstellung bot natürlich auch „Film“. Der „Cinematograph“ wurde damit beworben, dass dieser „wunderbare Automat“ seine Bilder nicht als Schattenrisse, sondern ganz plastisch als „Lebende Photographie“ zeige. Auf diese Weise sollten den Menschen die technische Neuerung näher gebracht werden.

Bei den ersten Vorführungen staunte das Publikum über die „lebensgroßen“ bewegten Bilder, die mithilfe des Kinematographen auf eine Leinwand projiziert wurden. Der Begriff „Film“ im heutigen Sinne trifft es allerdings nur bedingt: Gezeigt wurden vor allem kurze dokumentarische Szenen ohne erzählerische Handlung. Die Aufnahmen bestanden aus winzigen Fotografien auf einem durchsichtigen Gelatinestreifen. Etwa 16 bis 20 Bilder pro Sekunde erzeugten den Eindruck fließender Bewegung.

Die Zuschauer erlebten diese Szenen als erstaunlich plastisch – fast so, als blickten sie durch ein Fenster auf das wirkliche Leben: Straßenansichten, Meereswellen, Sportereignisse und Alltagsszenen aus Städten wie Berlin, London oder Lyon wurden mit verblüffender Natürlichkeit wiedergegeben. Besonders erwartungsvoll sah man der Ankunft von Filmaufnahmen der Moskauer Krönungsfeier entgegen. Teilweise konnten die Vorführungen sogar von Musik oder gesprochenen Texten begleitet werden, die mithilfe eines Phonographen wiedergegeben wurden.

Zeitungsberichte empfahlen den Besuch des „Kinematographen“ wärmstens und feierten die Erfindung als möglichen Höhepunkt der fotografischen Kunst – ja, beinahe als Wunder. Auch erste kinematographische Aufnahmen aus Stuttgart wurden am 20. August 1896 auf der Ausstellung gezeigt und begeistert aufgenommen.
Verantwortlich für den Kinematographen-Stand in der Gewerbehalle war der Stuttgarter Vertreter und Direktor Heinrich Wörnle (1861–1926). Er sorgte dafür, dass die Vorführungen nach dem Ende der Ausstellung – mit nur eintägiger Unterbrechung – fortgesetzt wurden. Hierfür wurde der Rote Saal im Königsbau gegenüber dem Hotel Marquardt angemietet. Parallel dazu entwickelte sich aus den ersten Vorführungen rasch mehr als nur eine technische Sensation: Es entstand der Beginn einer ganzen Industrie mit technischen Innovationen, Filmproduzenten und Verleihfirmen. In den folgenden Jahren gab es immer wieder Vorführungen dieser neuen und äußerst beliebten Unterhaltung, etwa im Hangleiter-Zirkus auf dem Marienplatz oder auf dem Cannstatter Volksfest. Dennoch sollte es noch knapp zehn Jahre dauern, bis sich ein fester Spielort für bewegte Bilder etablierte – ein dauerhaftes Kino.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Norah C. Allen (29. Mai 2026). Der Ursprung des Kinos in Stuttgart – eine Spurensuche nach ersten Filmvorführungen. Archiv0711. Abgerufen am 3. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16amk





